Mit propriozeptivem Training zu mehr Koordination, Gleichgewicht & Trittsicherheit

Ihr Pferd ist durch einen Sehnenschaden oder nach einer Operation zu Boxenruhe verdammt? Mit propriozeptivem Training können Sie auch in dieser Zeit Wahrnehmung, Reaktion und Koordination Ihres Pferdes verbessern. Eine gute Hilfe hierbei ist der Einsatz von Balance Boards.

Pferde-Physiotherapeutin Katrin Obst erklärt, wie es geht.

„Beim Antrainieren nach einer OP treten schnell sekundäre Probleme wie Muskel-Atrophien und -verkürzungen auf. Begleitende Maßnahmen wie das Training auf den Balance Boards oder Führen verkürzen meist die Rekonvaleszenz.“

Propriozeptives Training – was ist das eigentlich? Die Propriozeptoren sind sensorische Rezeptoren für die Tiefensensiblität. Sie gewährleisten die Wahrnehmung der Stellung und Bewegung des Körpers im Raum. Durch die Propriozeptoren gelangen Informationen über Muskelspannung, Muskellänge, Gelenkstellung und Bewegung zum Kleinhirn und zum Cortex, der Hirnrinde, wo sie unbewusst verarbeitet werden. Das Training dieser sensorischen Rezeptoren kann daher Wahrnehmung, Reaktion und Koordination Ihres Pferde auch in der Rekonvaleszenz oder sogar während einer verordneten
Boxenruhe schulen – denn mit Hilfe der Balance Boards werden die Propriozeptoren quasi im Stand geschult!

Einsatzgebiete und Training

Gerade in der Rekonvaleszenz ist der Einsatz von Balance Boards eine Bereicherung, da nach Operationen häufig die Wahrnehmung des eigenen Körpers gestört ist. Durch Schonhaltungen entstehen Kompensationen, die zu Bewegungseinschränkungen führen – oft kommt es zu Fehlbelastungen und dadurch zu erneuten Lahmheiten. Damit das Pferd zu seiner alten Form zurückfindet, sollte also so früh wie möglich mit dem propriozeptiven Training begonnen werden. Propriozeptoren müssen trainiert werden, sonst verkümmern sie regelrecht – asphaltierte Wege und perfekt abgezogene Plätze fördern die Körperwahrnehmung allerdings nicht, Reiten im Gelände auf unterschiedlichen Böden hingegen schon – beides ist kurz nach einer Operation oder mit einem ausheilenden Sehnenschaden aber natürlich alles andere als sinnvoll. Eine gute Alternative stellt in solchen Fällen die Arbeit mit den Balance Boards dar.
Die Kissen der Balance Boards sind groß genug, um das Pferd jeweils mit einem Huf darauf zu stellen – alleine das schult bereits die Propriozeptoren – aber auch spezielle Übungen wie das Heben einzelner Beine oder „Möhrenpilates“ auf den Balance Boards sind fantastische Übungen, um die Körperwahrnehmung zu schulen.
Beim Pilates gibt man dem Pferd die Möhre so, dass es sich dafür dehnen muss. Eine gute Übung für Anfänger ist es, dem Pferd die Möhre zwischen den Vorderbeinen zu geben, so dass es seinen Rücken aufwölbt. Eine weitere Möglichkeit, das Pferd zu dehnen, ist es, die Möhre in Höhe vom Hüfthöcker zu geben, damit dehnt das Pferd seinen Hals-Schulter Übergang. Die Übungen dürfen nur durchgeführt werden, wenn das Pferd aufgewärmt ist, da sonst Verletzungsgefahr besteht. Also bitte mindestens 20 Minuten vorher Schritt führen!
Um das Pferd an die Boards zu gewöhnen, sollte man zunächst nur die Vorderbeine oder nur die Hinterbeine darauf stellen, so vermeidet man eine Überforderung.
Nur selten gibt es ängstliche Patienten, die sich weigern auf dem wackligen Untergrund stehen zu bleiben – fangen Sie in dem Fall mit nur einigen Sekunden an. Wenn das Pferd erst einmal merkt, dass ihm nichts passiert, kann die Zeit langsam gesteigert werden. Maximal sollte das Training drei bis fünf Minuten ausgeübt werden – und dieser Zeitrahmen gilt für „fortgeschrittene“ Pferde. Zu Beginn muss die Dauer des Trainings also sowieso langsam gesteigert werden – denn diese ungewohnten Übungen können sonst starken Muskelkater verursachen. Wie oft sie trainieren und welche Übungen genau sie machen, muss Ihr Therapeut individuell entscheiden – hier kommt es ganz auf den Befund und den Gesundheitszustand Ihres Pferdes an. Bei einem gesunden Pferd kann ein über den anderen Tag geübt werden, aber auch hier sollte eine Dauer von fünf Minuten nicht überschritten werden, damit der Muskel-Sehnen-Apparat nicht überfordert wird. Bereits nach ein bis zwei Wochen sieht man erste Erfolge: Das Pferd wird lockerer oder nimmt mehr Last mit der Hinterhand auf, weil die Muskulatur gestärkt wird

Sollte ein Pferd sich tatsächlich einmal vollkommen weigern, auf die Boards zu steigen bzw. darauf stehen zu bleiben, sollte man nicht versuchen, es dazu zu zwingen. In der Regel wird das sowieso nicht funktionieren – und selbst wenn, würde das Pferd sich dabei massiv verspannen, wodurch Verletzungen wie Zerrungen provoziert werden können.
Das Training wäre in diesem Falle also kontraproduktiv. Die meisten Pferde haben jedoch keine Probleme mit den Balance Boards und steigen bereitwillig auf die Kissen. Doch auch hier macht Übung natürlich den Meister – und fördert zugleich das Vertrauen zwischen Zwei- und Vierbeiner sowie das Selbstbewusstsein des Pferdes!
Bei Pferden mit Sehnenschäden beugt das Training der Propriozeptoren vor allem dem so häufigen Wiederauftreten der Beschwerden (Rezidive) vor. Aber auch Pferde mit Beckenschiefstand oder anderen anatomischen Problemen können mit den Balance Boards trainiert werden.

Ein Beispiel: Unser Fotomodell, die Stute „Cinderella“, hat aufgrund eines Spezial-Beschlags einen Beckenschiefstand. An diesen passen sich innerhalb weniger Tage alle weiteren Strukturen im Körper wie Muskeln, Sehnen und Bänder an.

Körperstabilität verbessern

Beim Training auf wackligen Untergründen muss der Körper mehr Muskelfasern aktivieren, um das Gleichgewicht während der Übung zu halten. Da hier nicht nur die Koordinationsfähigkeit beansprucht wird, sondern auch tiefe Muskelgruppen angesprochen werden, werden die Balance Boards bei Menschen auch häufig im Krafttraining eingesetzt. Die Tiefenmuskulatur sorgt für eine bessere Stabilität des Körpers. In wissenschaftlichen Studien hat man herausgefunden, dass propriozeptives Training für alle Sportler eine sinnvolle Ergänzung ist und immer positive Auswirkung auf die Ausführung der eigentlichen Sportart hat.
Um sich auf den Boards zu stabilisieren veranlasst der Körper unwillkürlich und automatisch, dass die Tiefenmuskulatur sich anspannt. Das Gleiche passiert zum Beispiel auch, wenn man stolpert und einen Ausfallschritt macht, um einen Sturz zu verhindern. Dieses Bewegungsmuster läuft automatisiert ab, weil es zu lange dauern würde, wenn man erst denken müsste: „Ich verliere das Gleichgewicht, also muss ich einen Ausfallschritt machen…“ Der Körper führt diese Bewegung also selbstständig aus und ist umso schneller in seinen Reaktionen, je besser Sie Ihre Rezeptoren trainiert haben.
Auch für die Pferde werden meist Boards aus der Humanphysiotherapie genutzt. Die Einweisung in die Arbeit mit den Balance Boards sollte stets durch einen hierin erfahrenen Physiotherapeuten erfolgen, der in Absprache mit dem Tierarzt einen Trainingsplan für Ihr Pferd erstellt hat.